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Das Ringen um faire Arzneimittelpreise

Eine Recherche.

Redaktion: Thomas Rottschäfer ∙ Illustration: Malte Knaack ∙ Online-Umsetzung: Anna Karch



Die meisten Menschen in Deutschland, gut 75 Millionen, sind über die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) abgesichert. Für sie haben die 94 Krankenkassen 2024 knapp 312,3 Milliarden Euro ausgegeben. Am meisten kosten Krankenhausbehandlungen: 102,2 Milliarden – fast ein Drittel aller Ausgaben. Auf Platz zwei: Arzneimittel mit fast 60 Milliarden Euro.

Medikamente werden immer teurer: Für das Gesamtjahr 2025 und – ohne politische Gegenmaßnahmen – auch für 2026 rechnet das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) mit einer Steigerungsrate von jeweils fünf Prozent. Trotz aller Sparbemühungen kennen die Arzneimittelausgaben nur eine Richtung. Auch dadurch gerät die GKV an ihre finanziellen Grenzen.




























Der Auftrag.

In der Redaktion des „Durchblick“ wird die Wochenendausgabe geplant. Anfang 2026 haben viele Krankenkassen ihre Zusatzbeiträge erhöht. Dabei wollte die Bundesregierung doch gerade das durch ein noch kurz vor dem Jahresende vom Bundesrat bewilligtes „kleines Sparpaket“ verhindern. „Das Thema betrifft uns alle. Lasst uns das mal genauer beleuchten, warum die Politik die Ausgaben einfach nicht in den Griff bekommt“, sagt die Chefredakteurin. „Wir nehmen alle Ausgabenbereiche unter die Lupe. Wer übernimmt welches Thema?“

„Um die Arzneimittelausgaben würde ich mich gerne kümmern, da habe ich auch schon einiges recherchiert“, sagt Reporterin Clara. „Das ist echt ein spannendes Thema“, wirft ihr Kollege Malte ein. „Erinnert Ihr Euch noch an die Diskussion um Zolgensma vor ein paar Jahren? Das Medikament für Kinder mit dieser ganz seltenen Erkrankung: Spinale Muskelatrophie, ein Gendefekt. Da kostete eine Therapie anfangs mehr als zwei Millionen Euro. Wie kommen solche Summen zustande und sind sie gerechtfertigt?“

„Genau“, sagt Clara. „Um faire Arzneimittelpreise ging es vor kurzem auch bei einer Pressekonferenz des Wissenschaftlichen Instituts der AOK. Den Stream schaue ich mir gleich noch mal an. Und der AOK-Bundesverband hat gerade auch ein Positionspapier zum Thema veröffentlicht.“

„Mach das“, sagt die Chefredakteurin. „Aber lass Dich nicht einwickeln. Die Krankenkassen müssen sparen. Forschung und Entwicklung von neuen Medikamenten wie Zolgensma und Co. kosten viel Geld. Das muss sich ja auch rentieren. Die Pharmas stehen weltweit unter Druck. Außerdem werden wir alle immer älter.“

„Habe ich auf dem Schirm“, nickt Clara und macht sich an die Arbeit.













Die Ausgangslage

Hochpreisland Deutschland

Wenig später ruft Clara den Stream der Pressekonferenz des AOK-Bundesverbandes und des WIdO auf. AOK-Vorstandschefin Carola Reimann skizziert eingangs die Ausgaben-Entwicklung. Nur in den USA sind Arzneimittel noch teurer als in Deutschland.

Die Zahlen kennt Clara schon. Neu ist die Prognose für 2026: Das WIdO rechnet mit einem Anstieg der Ausgaben auf bis zu 65 Milliarden Euro.


„Im Vergleich zu 2011 haben sich die Ausgaben mehr als verdoppelt“, sagt Reimann. „Mit dem demografischen Wandel oder mehr Verschreibungen lässt sich das nicht erklären.“ Als Hauptgrund nennt sie immer höhere Preise für neue, patentgeschützte Arzneimittel.

Helmut Schröder vom WIdO zeigt dazu Daten aus dem neuen Arzneimittel-Kompass: Diese Gruppe macht mehr als die Hälfte der Ausgaben aus, aber nur sieben Prozent der in Deutschland verordneten Arzneimittel-Tagesdosen.

„Wundert mich erst mal nicht,“ sagt sich Clara. „Ein neues Krebsmedikament für wenige Patienten ist eben teurer als Blutdruck-Tabletten von vielen Herstellern, die es als günstige Generika gibt.“ 36 neue Arzneimittel sind allein 2025 auf den deutschen Markt gekommen, hat Clara vom Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (Vfa) erfahren. Bei mindestens 20 weiteren wurden im vergangenen Jahr die zugelassenen Anwendungsbereiche erweitert.

Gutes Geld für gute Medikamente?

Im Stream geht es jetzt um faire Preise. „Wer Medikamente entwickelt, die wir dringend brauchen, soll dafür auch einen angemessenen Preis bekommen“, sagt Reimann. Sie nennt als Beispiele Antibiotika oder Mittel zur Behandlung seltener Erkrankungen. „Wir wollen, dass den Patienten wichtige Medikamente zur Verfügung stehen. Aber vieles, was neu auf den Markt kommt, hat keinen Mehrwert gegenüber Therapien, die es schon gibt. Trotzdem dürfen die Hersteller für alle neuen Medikamente den Einstiegspreis frei festlegen. Der gilt vom ersten Tag der Markteinführung sechs Monate lang, bis das AMNOG-Ergebnis zur frühen Nutzenbewertung vorliegt. Wir bezahlen ein halbes Jahr lang viel Geld, ohne zu wissen, wie gut die Medikamente tatsächlich sind.“

Von den 2024 verfügbaren knapp 2.000 Arzneimitteln kosteten nach Zahlen des WIdO 439 Wirkstoffe (23 Prozent) in der Apotheke mindestens 1.000 Euro. „Der Umsatz mit hochpreisigen Präparaten hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdreifacht. 30,3 Milliarden Euro waren es 2024“, erläutert Helmut Schröder. Der Anteil an der Versorgung sei bescheiden: 1,6 Prozent der 757 Millionen Verordnungen des letzten Jahres.

„Wir brauchen eine Balance zwischen den Gewinnerwartungen der Pharmaunternehmen und dem Leistungsvermögen der Solidargemeinschaft“, sagt Schröder. „Ein gerechter Preis spiegelt den tatsächlichen Nutzen und Aufwand wider.“

Wenn es um die Kosten geht, argumentiert die Pharmabranche vor allem mit hohen Vorlaufkosten. Neun Milliarden Euro – so viel stecken die Unternehmen nach eigenen Angaben jedes Jahr allein in Deutschland in Forschung und Entwicklung.

„Ein Mythos“, sagt Claudia Wild im WIdO-Stream. Die Arzneimittelexpertin aus Österreich hat für den Arzneimittel-Kompass untersucht, wie viel Steuergeld im Spiel ist. „Die Branche lässt sich ungern in die Karten schauen. Schärfere Transparenz-Regeln der EU sind vorerst nur geplant.“ Die Analyse der Wissenschaftlerin: Aus nationalen Kassen und EU-Fördertöpfen fließt reichlich öffentliches Geld für Grundlagenforschung und klinische Erprobung. „Zwei Drittel der Arzneimittel mit großer therapeutischer Bedeutung werden gefördert. Für alle innovativen Impfstoffe der letzten 25 Jahren gab es Zuschüsse.“

Clara hat in einer EU-Studie gelesen, dass Einzelstaaten, EU und private Organisationen allein zur Entwicklung von neun Covid-Impfstoffen neun Milliarden Euro beigesteuert haben.

Öffentliche Unterstützung gibt es laut Wild auch für viele Start-Ups, die als Ausgründungen von Universitäten oder anderen Forschungseinrichtungen vielversprechende Arzneimittel weiterentwickeln und vermarkten. „Pharma-Scouts beobachteten die Forschungslandschaft genau. Große Unternehmen kaufen kleine Entwickler auf und sparen Geld für Grundlagenforschung.“

Es sei deshalb nur fair, wenn Unternehmen ab einer bestimmten Umsatzhöhe öffentliche Fördermittel zurückzahlen müssten. Auch bei Preisverhandlungen müsse der öffentliche Anteil der eine wichtige Rolle spielen. „Bislang zahlt die Gemeinschaft zweimal“, sagt die Expertin. „Erst für die Forschung, dann für das Medikament.“


„Trotz aller Klagen steht die Pharmabranche wirtschaftlich weiter sehr gut da“, sagt Schröder und zeigt einen Chart für 2024. Im weltweiten Mittel lag die Gewinnmarge bei 16,5 Prozent. Die Top 20 der in Deutschland tätigen Unternehmen erzielten im Schnitt sogar 28,3 Prozent. „Zum Vergleich: Die deutsche Autobranche musste sich 2024 mit einer Marge von 5,8 Prozent begnügen“, sagt der WIdO-Chef.

Besonders glänzen die Bilanzen der Hersteller von patentgeschützten Medikamenten. Wer vor allem Generika produziert, musste 2024 mit deutlich geringeren Margen leben.

Das AMNOG läuft nicht rund

Die Botschaft ist klar: Die AOK ist mit dem aktuellen Verfahren zum Festlegen der Medikamentenpreise nicht zufrieden. „Das Verhältnis zwischen Preis und therapeutischem Nutzen ist aus dem Takt geraten“, sagt Helmut Schröder. „Selbst für Arzneimittel ohne belegten Zusatznutzen bekommen die Hersteller hohe Erstattungsbeträge. Das AMNOG-Verfahren muss renoviert und wieder robuster und fairer werden.“

AMNOG. Der Begriff fällt immer wieder. Clara hat dazu im Vorfeld recherchiert ...

















Der Reformbedarf

Zählt der Mehrwert noch?

Mit der Zulassung gilt ein neues Medikament als sicher, wirksam und von guter Qualität. Das Go der Europäischen Arzneimittelagentur EMA und der nationalen Zulassungsbehörden ist für die Hersteller das Ticket für den deutschen Markt. Ärztinnen und Ärzte können das neue Präparat in der Regel sofort verordnen.

Das erste halbe Jahr mit einem frei festgesetzten Startpreis ist eine entscheidende Umsatzphase für die Hersteller. In diesem Zeitraum holen sie nicht nur ihre Forschungs- und Entwicklungskosten wieder herein.

Wie es danach mit dem Preis weitergeht, entscheidet sich im AMNOG-Verfahren. Klingt dämonisch, ist aber die gängige Bezeichnung für die 2011 mit dem Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) eingeführte frühe Nutzenbewertung von Arzneimitteln.

Mit dem AMNOG reagierte die Politik auf ein beliebtes Vorgehen einzelner Pharmaunternehmen. Sie brachten immer wieder neue Medikamente auf den Markt, die sich lediglich durch geringfügige Molekülvariationen von vorhandenen Wirkstoffen unterschieden (Me-too-Präparate). Ohne Mehrwert für die Patienten, aber „Cash Cows“ für die Hersteller – auf Kosten der GKV.

Im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) bewertet deshalb seit 2011 das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit (IQWiG) in Köln, ob das neue Medikament für die Patientinnen und Patienten im Vergleich mit vorhandenen Arzneimitteln einen zusätzlichen Nutzen hat. Das geschieht auf Basis eines Hersteller-Dossiers und dauert drei Monate. Danach berät der GBA, bezieht dabei auch die Argumente der Hersteller ein und fasst nach spätestens drei Monaten einen Bewertungsbeschluss.

Das Label „neu“ allein bürgt nicht für den Mehrwert eines Medikamentes. In 994 Verfahren seit 2011 erhielten bislang nur 18 neue Medikamente die GBA-Bestnote „erheblicher Zusatznutzen“, 161 Wirkstoffen wurde ein „beträchtlicher Zusatznutzen“ bescheinigt. In mehr als der Hälfte der Fälle lautete das Urteil dagegen „kein Zusatznutzen“. Neue Medikamente zur Behandlung von seltenen Erkrankungen (Orphan Drugs) werden nicht bewertet. Ihnen wird per se ein Zusatznutzen unterstellt.

Geheime Verhandlungssache

Arzneimittel ohne Beleg für einen Zusatznutzen werden in eine sogenannte Festbetragsgruppe einsortiert. Ihr Preis orientiert sich an der besten vergleichbaren Therapie. Nur für Medikamente mit Zusatznutzen verhandeln Krankenkassen und Hersteller nach dem GBA-Beschluss über den endgültigen Erstattungspreis.

Über die Preisverhandlungen hat sich Clara bereits informiert: Die können sich über Wochen, manchmal Monate hinziehen. Stellvertretend für die 93 Krankenkassen sitzen Fachleute des GKV-Spitzenverbandes am Tisch. Der am Ende vereinbarte Preis gilt rückwirkend ab Monat sieben nach Markteinführung. Gibt es keine Einigung, entscheidet eine Schiedsstelle.

Die Kassenseite argumentiert bei den Verhandlungen vor allem mit den Ergebnissen der Nutzenbewertung. Die Firmen stellen den Wert ihrer Produkte für die Versorgung heraus. Auch die Preise vergleichbarer Medikamente und das internationale Preisniveau spielen eine Rolle.

„Bei dem Preispoker würde ich ja gerne mal Mäuschen spielen“, denkt sich Clara. Aber der findet hinter verschlossenen Türen statt. Auch das Ergebnis ist vertraulich.

Die ausgehandelten Erstattungspreise werden in einer internen Datenbank veröffentlicht. Zugriff darauf haben nicht nur die Krankenkassen, sondern auch Kliniken, Ärzte und Apotheken. Seit Ende 2024 können die Unternehmen Geheimhaltung beantragen. Wer das macht, will verhindern, dass Rabatte für die GKV die Preise in anderen Ländern nach unten ziehen. Bislang wird diese Möglichkeit jedoch kaum genutzt.
 Würden viele Hersteller auf Geheimhaltung bestehen, hätte das nicht nur Folgen für das internationale Preisniveau. Bei uns sind Ärztinnen und Ärzte gehalten, wirtschaftlich zu verordnen. Wenn sie den Erstattungspreis nicht kennen, können sie bei gleichwertigen Medikamenten nicht mehr das günstigere aufs Rezept schreiben. Es würde teurer für die GKV.





Vorschläge der Gesundheitsweisen

Seit 2011 hat es immer wieder kleinere Änderungen im AMNOG-Verfahren gegeben – mal zugunsten der Unternehmen, mal zugunsten der Krankenkassen. So richtig zufrieden sind aber beide Seiten nicht mehr. Eine größere Reform ist überfällig.

Die Pharmaverbände wünschen sich Vertragsmodelle, bei denen der Erfolg des Medikaments eine größere Rolle spielt („Pay for Performance“). Zugleich sind ihnen die strengen Anforderungen an die Studien zur Nutzenbewertung ein Dorn im Auge. Die Krankenkassen ärgern sich, dass die Hersteller über hohe Einstiegspreise den späteren Erstattungspreis in die Höhe treiben und dass die tatsächlichen Entwicklungs- und Produktionskosten keine Rolle spielen.

Die sieben Mitglieder des Sachverständigenrates für Gesundheit und Pflege (SVR) haben sich intensive Gedanken über das AMNOG gemacht. Darum geht es auch in ihrem Jahresgutachten 2025. Clara hat es sich bereits heruntergeladen. „Ohne AMNOG-Reform lässt sich der schnelle Zugang zu innovativen Medikamenten für alle Patienten nicht mehr dauerhaft garantieren“, sagt der Vorsitzende der Gesundheitsweisen, der Krebsmediziner Prof. Michael Hallek.

Wenn es um einen wirklichen Durchbruch geht und ein großer Zusatznutzen belegt ist, dann muss man auch eine adäquate Vergütung sicherstellen.

Prof. Michael Hallek,

SVR-Vorsitzender

Clara hat sich einige Vorschläge des Rates herausgeschrieben:

  • Echte Innovationen sehr gut belohnen, die Preise aber konsequent an den tatsächlichen Zusatznutzen koppeln.
  • Keine freie Preisfestsetzung bei Markteinführung. Stattdessen ein Übergangspreis für sechs Monate, der sich an vergleichbaren Therapien orientiert.
  • Stellen sich sehr teure Arzneimittel nach einer bestimmten Zeit als nicht so wirksam heraus, wie vom Hersteller angegeben, wird der Preis schnell nachverhandelt.
  • Auch Medikamente zur Behandlung seltener Erkrankungen (Orphan Drugs) sollen nach Möglichkeit die Nutzenbewertung durchlaufen.  
  • Verhandlungsmacht ausbalancieren: Unternehmen können damit drohen, Medikamente nicht an den Start zu bringen. Im Gegenzug sollte die GKV aus Preisverhandlungen aussteigen dürfen.
  • Keine Pharmaförderung mit Geld der Versicherten und Arbeitgeber: Industriepolitik ist nicht die Aufgabe von GKV und privater Krankenversicherung. 





Das SVR-Gutachten und die AMNOG-Reform sind auch Thema beim „Pharmadialog“ der Bundesregierung. Beteiligt sind Unternehmen, Wirtschaftsverbände, GKV, Forschung, Arbeitgeber und Gewerkschaften. Die Bundesregierung betrachtet die Pharmabranche als Leitwirtschaft und Geheimpreise als Instrument, um den Standort Deutschland zu stärken. Der AOK-Bundesverband hat zum Auftakttreffen deutlich gemacht, dass Standortförderung keine GKV-Aufgabe ist. Die Unterstützung der Arzneimittelforschung müsse die Versorgungssicherheit verbessern und die Finanzierbarkeit der GKV im Blick behalten.



Ein fairer Preis für Europa

Hohe Arzneimittelpreise sind nicht nur in Deutschland ein Thema. Die Europäische Union (EU) verhandelt über eine Reform der EU-Arzneimittelgesetzgebung. Innovative Medikamente sollen in allen 27 Mitgliedsländern zu bezahlbaren Preisen zur Verfügung stehen. Zugleich will die EU Pharmaproduktion nach Europa zurückzuholen und die heimische Industrie unterstützen. Die Quadratur des Kreises ist einfacher.

Da sind neue Ideen gefragt. Die Erasmus-Universität in Rotterdam und der Internationale Krankenkassenverband (AIM) haben einen Algorithmus für ein Modell entwickelt, mit dem sich ein fairer Preis für neue Medikamente berechnen lässt.

Helmut Schröder stellt das Verfahren bei der Pressekonferenz vor.











Das AIM-Modell bewertet den Preis eines neuen Medikamentes im Verhältnis zum tatsächlichen Aufwand der Unternehmen. Bei den deutschen Preisverhandlungen geht es derzeit vor allem um den Nutzen und die Kosten für vergleichbare Therapien. Unbeachtet bleibt, wie viel Geld die Unternehmen tatsächlich in Forschung und Entwicklung (einschließlich Fehlschläge) stecken. Wie viel sie für Produktion, klinische Studien, Zulassung, Vertrieb und Marketing ausgeben. Der Umfang öffentlicher Förderung bleibt komplett außen vor. Der „Fair-Price-Calkulator“ rechnet das alles mit ein.

Für Forschung und Entwicklung sieht das Modell eine Pauschale von 250 Millionen Euro vor. Hersteller können auch mit offenen Karten spielen und nachgewiesene Investitionen bis zu einer Grenze von 2,5 Milliarden Euro geltend machen – abzüglich öffentliches Geld.

Acht Prozent der Summe aus Investitionen, Produktions- und Gemeinkosten (Energie, Verwaltung etc.) setzt das Modell als Grundgewinn an. Für echte Therapieinnovationen gibt es einen Bonus obendrauf: bis zu 40 Prozent der bisherigen Kosten. Wie hoch die Belohnung für wegweisende Forschung ausfällt, hängt von verschiedenen Kriterien ab. Dazu zählen Therapiealternativen, Schweregrad der zu therapierenden Erkrankung, Überlebensgewinn, Lebensqualität, Umfang der Patientengruppe, Qualität der Studien oder der Produktionsstandort (EU).

Deutliches Einsparpotenzial

Das WIdO hat fünf innovative, hochpreisige Arzneimittel durch den Fair-Preis-Kalkulator laufen lassen und das Resultat mit den Ergebnissen der AMNOG-Preisverhandlungen verglichen.

2024 haben die Hersteller allein mit diesen fünf Medikamenten einen GKV-Nettoumsatz in Höhe von rund 1,5 Milliarden Euro erzielt. 517 Millionen – knapp zwei Drittel weniger – wären es gewesen, wenn das AIM-Modell eingesetzt worden wäre.













Lösungsvorschläge

Was tun, Frau Reimann?

Für ihren Artikel hat Clara jede Menge Material. Sie hat auch die Pharmaverbände und das Bundesgesundheitsministerium um Stellungnahmen gebeten – journalistische Sorgfaltspflicht. Als „belebendes Element“ für die Seite in der Wochenendausgabe wünscht sich die Chefredakteurin noch ein Kurzinterview. Clara hat sich dazu kurzfristig beim AOK-Bundesverband mit Vorständin Carola Reimann verabredet.

Clara: Die Pharmaindustrie leistet ja schon einige Sparbeiträge: Arzneimittel-Festbeträge, Preisobergrenzen für ältere Medikamente, Rabattverträge für Generika oder der Herstellerrabatt. Drehen Sie mit Ihren AMNOG-Forderungen die Schraube nicht zu stark an?

Reimann: Die genannten Instrumente sind wichtig, aber sie lösen nicht das Hauptproblem: den dramatischen Preisschub bei neuen, patentgeschützten Medikamenten. Wir brauchen innovative Pharmaforschung. Sie macht es möglich, Krankheiten zielgenauer zu vermeiden oder zu therapieren, für die es noch vor wenigen Jahren keine solchen Lösungen gab. Deshalb kommen bei uns neu zugelassene Medikamente sofort auf dem Markt. Das ist ein großer Wert, aber auch ein Vertrauensvorschuss. Zu diesem frühen Zeitpunkt wissen wir sehr wenig darüber, ob und wie das neue Medikament die Versorgung verbessert. Die AMNOG-Ergebnisse sind eher ernüchtern: Nur 18 von 100 neuen Medikamenten bekommen das Gütesiegel „Zusatznutzen“. Trotzdem dürfen die Unternehmen für alle neuen Medikamente ihre Wunschpreise festsetzen. Die sind teilweise astronomisch hoch. In der Regel sind die späteren Preisnachlässe für die GKV längst eingepreist.

Der freie Marktzugang ist ein Vertrauensvorschuss.

Clara: Die AOK fordert – wie auch der Sachverständigenrat Gesundheit – einen „Interimspreis“. Worum geht es dabei?

Reimann: Die freie Preisfestlegung durch die Pharmaindustrie ist weder fair noch wirtschaftlich. Wir schlagen einen Übergangspreis vor, der sich an der zweckmäßigen Vergleichstherapie orientiert. Wenn das Medikament bei der Nutzenbewertung gut abschneidet, bekommt der Hersteller rückwirkend den mit den Kassen ausgehandelten höheren Erstattungsbetrag. So belohnen wir Innovation und senken den Anreiz, die Schwächen des AMNOG-Verfahrens auszunutzen.

Clara: Was sind das für Schwächen?

Reimann: Dazu gehört, dass Medikamente zur Behandlung seltener Krankheiten bis zu einer Umsatzschwelle von 30 Millionen Euro die Nutzenbewertung nicht durchlaufen müssen – obwohl es auch in diesem Orphan-Drug-Bereich durchaus aussagekräftige Studien gibt. Die Zahl der Orphan-Zulassungen ist durch diese Regel sprunghaft gestiegen. Im vergangenen Jahr waren 24 von 36 neuen Medikamenten in Deutschland Orphans. Das ist erst einmal eine gute Nachricht. Aber viele erweisen sich eben im Nachhinein nicht als großer Wurf. In einigen Fällen werden Orphan Drugs zunächst in einer Nische mit sehr wenigen Patienten zugelassen. Zu einem sehr hohen Preis. Später kommen neue Indikationsbereiche für weitaus größere Gruppen hinzu. 2025 war das bei etwa 20 Medikamenten der Fall. Für diese Anwendungen wäre eine Nutzenbewertung nötig gewesen. Heißt: mehr Umsatz mit einem ursprünglich auf ganz anderer Grundlage ausgehandelten Preis. Auch der Sachverständigenrat will den AMNOG-Sonderstatus für Orphan Drugs abschaffen. Das AMNOG-Anreizsystem führt dazu, dass vor allem seltene Krankheiten erforscht werde und Medikamente gegen Erkrankungen der breiten Bevölkerung nicht so sehr im Fokus stehen.



Die Branche nutzt die AMNOG-Schwächen aus.

Clara: Sie beklagen eine „generell magere Studienlage“. Was meinen Sie damit?

Reimann: Die Qualität der Hersteller-Dossiers für die Nutzenbewertung ist oft dürftig. Die Branche argumentiert damit, dass sich in bestimmten Fällen nicht genug Probanden für klinische Studien finden. Das ist oft nur vorgeschoben. Wir sollten Therapien ohne ausreichende Evidenz und mit zum Teil starken Nebenwirkungen zunächst in qualifizierten Zentren anwenden. Dort werden Patientinnen und Patienten eng begleitet. Zudem lassen sich dort Daten für eine schnellere und bessere Nutzenbewertung gewinnen. Genererell streben wir neue Erstattungsmodelle an, die eine dynamische Anpassung an die Evidenzlage und an reale Versorgungsergebnisse erlauben. Neue Erkenntnisse verlangt auch neue Bewertungen.

Clara: Wie blicken Sie ins neue Jahr?

Reimann: Die Beitragssätze befinden sich auf Rekordniveau, die finanziellen Belastungen der Beitragszahlenden nehmen weiter zu. Wir müssen noch sorgsamer mit den Ressourcen des Gesundheitswesens umgehen. Dazu gehören faire Arzneimittelpreise. Und zur Fairness gehört Kosten-Transparenz, auch was öffentliche Mittel für Forschung und Entwicklung anbelangt. Wir brauchen eine AMNOG-Reform, die dafür sorgt, dass wir viele gute neue Medikamente bekommen, die wir trotz begrenzter Mittel bezahlen können. Die Menschen wünschen sich sichere und wirksame Arzneimittel, die immer verfügbar sind. Um das dauerhaft hinzubekommen, müssen sie bezahlbar bleiben. Dieser Dreiklang ist letztlich auch im Interesse der Pharmaindustrie.

Sicher, verfügbar, bezahlbar – Da habe ich ja schon eine perfekte Headline“, denkt sich Clara. Jetzt muss es schnell gehen, ihr bleibt nicht viel Zeit zum Texten. Schon am nächsten Tag ist Redaktionsschluss. Vorher müssen ihr Beitrag und die Rechercheergebnisse der Kolleginnen und Kollegen auf dem Tisch der Chefredakteurin liegen.













Die Menschen wünschen sich sichere und wirksame Medikamente, die möglichst immer verfügbar sind. Um das dauerhaft hinzubekommen, müssen sie bezahlbar bleiben. Dieser Dreiklang ist letztlich auch im Interesse der Pharmaindustrie.

Carola Reimann,

Vorständin des

AOK-Bundesverbandes